Die zentrale Frage: Warum Food-Grade nicht gleich „ölfrei“ bedeutet
Ein weit verbreiteter Irrtum in der Praxis ist die Annahme, dass Food-Grade-Schmiermittel automatisch zu ölfreier Druckluft führen. Tatsächlich können selbst modernste Filter- und Abscheidesysteme nicht verhindern, dass mikroskopisch kleine Ölanteile in das Druckluftnetz gelangen, insbesondere bei wechselnden Lastzuständen, hohen Temperaturen oder zunehmendem Alter der Komponenten.
Gerade in sensiblen Anwendungen, bei denen Druckluft direkt oder indirekt mit Lebensmitteln oder Verpackungen in Kontakt kommt, stellt dies ein potenzielles Risiko dar. Auch wenn die eingesetzten Schmierstoffe lebensmitteltauglich sind, bleiben sie aus Sicht vieler Qualitäts- und Hygienestandards ein kritischer Faktor, insbesondere bei Audits nach HACCP, IFS oder BRC.
Was versteht man unter ölfreier Druckluft?
Ölfreie Druckluft geht einen grundlegend anderen Weg. Statt Risiken über Schmierstoffqualität und Filtration zu minimieren, wird Öl im Verdichtungsprozess vollständigausgeschlossen. Ölfrei verdichtende Kompressoren arbeiten mit speziellen Konstruktionsprinzipien, Materialien und Beschichtungen, die eine Schmierung der Verdichtungskammer überflüssig machen.
Atlas Copco bietet hierfür ein breites Portfolio an ölfrei verdichtenden Kompressoren, die nach ISO 8573-1 Klasse 0 zertifiziert sind. Diese Norm garantiert, dass in der erzeugten Druckluft kein Öl in flüssiger, aerosol- oder dampfförmiger Form enthalten ist. Damit stellt ölfreie Druckluft das höchste derzeit verfügbare Reinheitsniveau dar.
Für viele Lebensmittel- und Getränkehersteller ist dies ein entscheidender Vorteil, insbesondere dort, wo Produktsicherheit oberste Priorität hat und Risiken proaktiv vermieden werden sollen.

Food-Grade-Schmiermittel vs. ölfreie Druckluft: eine sachliche Einordnung
Food-Grade-Schmiermittel und ölfreie Druckluft verfolgen unterschiedliche Strategien. Während Food-Grade-Schmiermittel darauf abzielen, die Auswirkungen einer möglichen Kontamination zu begrenzen, setzt ölfreie Druckluft bereits an der Quelle an und vermeidet Öl vollständig.
In Anwendungen ohne Produktkontakt, etwa bei rein pneumatischen Steuerungen oder Hilfsaggregaten, kann der Einsatz von Food-Grade-Schmiermitteln durchaus sinnvoll und wirtschaftlich sein, insbesondere, wenn ein durchdachtes Filterkonzept vorhanden ist.
Sobald Druckluft jedoch in sensiblen Bereichen eingesetzt wird – beispielsweise beim Abblasen von Produkten, beim Fördern von Pulvern oder in der Verpackung, bietet ölfreie Druckluft ein deutlich höheres Maß an Sicherheit, Transparenz und Audit-Stabilität.
Wann welche Lösung sinnvoll ist
Food-Grade-Schmiermittel sind eine praktikable Lösung, wenn:
- kein direkter oder indirekter Kontakt zwischen Druckluft und Lebensmitteln besteht,
- regulatorische Anforderungen überschaubar sind,
- die Druckluft eher unterstützende Funktionen erfüllt.
Ölfreie Druckluft empfiehlt sich besonders dann, wenn:
- höchste Hygiene- und Qualitätsstandards gefordert sind,
- ein direkter Produktkontakt nicht ausgeschlossen werden kann,
- langfristige Prozesssicherheit und Markenvertrauen im Fokus stehen,
- Audits und Zertifizierungen ohne Interpretationsspielraum bestanden werden sollen.
Atlas Copco: Ölfreie Technologien für höchste Anforderungen
Atlas Copco hat über Jahrzehnte hinweg Technologien für die ölfreie Drucklufterzeugung entwickelt. Das Portfolio reicht von ölfreien Scroll- und Kolbenkompressoren für kleinere Anwendungen bis hin zu ölfrei verdichtenden Schraubenkompressoren für den industriellen Dauerbetrieb, optional auch mit variabler Drehzahlregelung (VSD) für maximale Energieeffizienz.
Diese Systeme werden weltweit in der Lebensmittel-, Getränke- und Pharmaindustrie eingesetzt und bilden eine verlässliche Grundlage für hygienische, effiziente und auditfeste Druckluftversorgung.

Ist ölfreie Druckluft immer komplett ölfrei?
Auch bei ölfrei verdichtender Druckluft lohnt sich ein ganzheitlicher Blick auf das System. Denn ISO 8573-1 Klasse 0 bezieht sich auf den Verdichtungsprozess im Kompressor selbst: Das bedeutet, dass während der Verdichtung kein Öl eingesetzt wird und kein Öl in die Druckluft eingebracht wird. Dennoch können unter bestimmten Umständen Ölaerosole aus der Umgebungsluft in das System gelangen.
Ein typisches Beispiel ist die Ansaugung von Außenluft in der Nähe stark befahrener Straßen, Industrieanlagen oder Tankstellen. In solchen Umgebungen können feine Öl- oder Kraftstoffaerosole in der Ansaugluft enthalten sein und, unabhängig von der ölfreien Verdichtung, in das Druckluftsystem gelangen. Aus diesem Grund spielt neben der Wahl eines ölfrei verdichtenden Kompressors auch die korrekte Auslegung der Ansaugung sowie eine geeignete Filtration der Ansaugluft eine wichtige Rolle.
Gerade in sensiblen Anwendungen der Lebensmittel- und Getränkeindustrie zeigt sich hier der Vorteil eines durchdachten Gesamtkonzepts: Ölfreie Verdichtung bildet die Basis für maximale Produktsicherheit, wird jedoch idealerweise durch geeignete Filterstufen und eine strategisch platzierte Ansaugung ergänzt.
Fazit: Risikominimieren oder Risiko vermeiden?
Food-Grade-Schmiermittel sind ein wichtiges Instrument zur Risikominimierung, ersetzen jedoch keine ölfreie Druckluft. Wer maximale Produktsicherheit anstrebt, setzt auf einen Ansatz, der Risiken gar nicht erst entstehen lässt.
Ölfreie Druckluft ist daher keine Frage von „besser oder schlechter“, sondern eine bewusste Entscheidung für Sicherheit, Transparenz und Zukunftsfähigkeit in der Lebensmittelproduktion.
